Rainer Hoffmann über die Philosophie der Malerei

In der Tat, die Malerei ist, wenn sie gut angegangen wird, eine allseitig zufriedenstellende Handlung, dadurch daß sie die Welt der Eindrücke in die Gestaltung jener überführt.

Es müssen die ersten lustvollen Bleistiftzeichnungen der fruhen Kindheit gewesen sein, notiert auf den Seitenrändern der Nachschlagewerke und Lexika , die ein ständiges Sich- gegenwärtigfühlen und die stürmische Lust des sich mitten im Daseinbefindens ausdrückten.

Da ich in den Jugendjahren oft die Sonntage in Kunstmuseen und Bildergalerien verbrachte, konnte ich wertvolle Information über die Methode der Malerei erfahren, die ich sogleich in Studien ausprobierte; das waren der Farbauftrag mit Palettenmessern, das Sfumato mit den Fingern, das Sgrafitto durch kratzen und schaben und alle anderen sehr ursprünglichen Hilfen zur Ausarbeitung weicher Ubergänge beim Portrait und in der Figurenmalerei. Da ich das mit Wasserfarben unternahm, was in der Pastell- und Ölmalerei so üblich war, war das Resultat überraschend.

In der Grisaille-malerei entdeckte ich die sfärische Subtilität der dritten Dimension, die augenblicklich als Affisch- und Plakatmalerei Gefallen fand. In den Schaufenstern einer Buchhandlung erzeugten die Plakate verschiedenste Reaktionen. Es waren Sujets des Surrealismus, die eine weitreichende Wirkung auf die Atraktionskraft der Buchhandlung hatten.

Die Zwischenräume meines malerischen Daseins fullte ich mit handwerklichen und später akademischen Ausbildungen, die mir reichlich Stoff zur Vertiefung der Malerei gaben.

Zum Glück hatte ich durch das Handwerk mit seinen noch streng nachwirkenden Zunftbestimmungen einen Einlick in die Methode des Zuwegegehens erhalten.

Die Methode war der Weg von der Idee zur Artefakte mit größter Rücksichtnahme auf dieMaterialeigenschaften und die Strategie.

Sie war fur den Schreiner und den Steinmetz eindeutig definiert durch das sukzessive Wegnehmen und die Konstruktion. In der Malerei war das gerade das Gegenteil, es galt hinzuzufügen und sich annähern an das Erstrebte ohne es jemals zu erreichen. Jedes Gemälde wird vom Maler als Kompromiss empfunden soweit es nicht aus sich selbst überrascht, indem es sich selbst fertiggemalt hat.

Hiermit war die Immanenz des Daseins ausgedrückt. Die Plattform des Bewusstseins über die Methode war gegeben, der Aufbau konnte beginnen. Die Farbenwerte und Kontraste in dem Dargestellten, die Lichter und Reflexe, das Gestaltete und der Akt des Malens, die gesammelte erhöhte Aufmerksamkeit steigerten die Wahrnehmung und die Auflösung der Dinge in rein optische Erscheinungen. Anhand der Bescheidenheit des Materials mußte dem Handwerk hohes Können abverlangt werden.

Mein im Prinzip ausserhalb der Malerei unkompliziertes Dasein mit regelmässigen Vorlesungen über Kunstgeschichte, Philosophie, Religion, etc öffnete mir großzügig Freiräume für das praktische Studium der Farbenlehre, der Freiluftmalerei/Pleinair und das Studium der Anatomie und Proportion des menschlichen Körpers.
Während meine Studenten die Logik meiner Vorträge schätzten, wartete die Malerei im Atelier auf Stellungnahme zur Welt der optischen Erscheinungen.

Gründe eine lebenslange Partnerschaft mit der Malerei einzugehen

*Malerei steigert das Gefühl anwesend zu sein, am Dasein.
*Das Gemälde soll existentiell beruhigen, erinnern lassen und zum (nach-)denken veranlassen.
*Das Zeichnen entsteht aus der Intensität der Wahrnehmung und ist die Anfangsgeschwindigkeit [Vo] fur die Malerei.
*Der Pinselduktus in der Farbe ist der Fingerabdruck des Malers zwischen Wahrnehmung und Gestaltung.
*Der optische Eindruck im Gemälde sollte am Anfang sensationell sein und bald als freundschaftlich Gegenwärtig erhalten bleiben.
*Sich eine Kunstsammlung anschaffen ist sich in Erinnerung bringen.
*Die Ehrlichkeit der Darstellung, ohne Seitenblicke, macht das Bild ideal.